«But hope is no longer the destination.» Mit diesem Satz verabschiedet sich Sarah Wilson von der Hoffnung, und zwar nicht aus Resignation. Die australische Journalistin und Bestsellerautorin geht davon aus, dass der Zusammenbruch unserer Zivilisation nicht bevorsteht, sondern längst begonnen hat. Ihr Buch «I Eat the Stars. How to Live Fully and Beautifully in a Collapsing World» (2026) fragt, wie man darin lebt. Ich teile die Stossrichtung, nicht jedes Detail.

Cover von «I Eat the Stars» von Sarah Wilson

Ein Blog zwischen zwei Buchdeckeln?

Man merkt dem Buch an, dass es zuerst online entstanden ist. Wilson schrieb es als Fortsetzungsreihe auf Substack, Woche für Woche, und liess die Kommentare ihrer Leser:innen in die nächste Folge einfliessen. Die Struktur nennt sie selbst «looping layers»: Sie springt vom philosophischen Gedanken zur emotionalen Überlegung, zum Gedicht, zum «science factlet». Das ist gewollt, denn der Gegenstand sei selbst chaotisch. Ganz überzeugt diese Begründung nicht. Manches wirkt ausschweifend, und nicht jede Schleife führt weiter. Zugleich liegt gerade darin die Stärke des Buches: Man hört Sarah Wilson beim Lesen fast sprechen. Das macht selbst Themen wie Kollaps und Tod erstaunlich zugänglich.

Was bleibt, wenn die Hoffnung geht?

Man könnte einwenden, wer die Hoffnung aufgebe, verliere auch den Grund zu handeln. Wilson zeigt das Gegenteil. Der Abschied von der Hoffnung macht bei ihr frei: «when we let go of hope, truth emerges as a far more solid and enlivening thing to peg a life to.» Wer nicht mehr zwischen dem, was er sieht, und dem, was er hofft, hin- und hergerissen ist, wird handlungsfähig. Das dürfte der wichtigste Gedanke des Buches sein, und er beruht nicht nur auf Wilsons eigener Erfahrung: Als sie begann, über den Abschied von der Hoffnung zu schreiben, reagierten ihre Leser:innen in den Kommentaren auf Substack einhellig mit Erleichterung.

Worauf aber gründet ein Handeln, das keinen Erfolg mehr verspricht? Auf der Ethik. Man handle, weil es richtig sei, und «because we have to live with ourselves». Wilson beruft sich dabei auf Hannah Arendt: Wer Unrecht tut, muss fortan mit einem Übeltäter zusammenleben, nämlich mit sich selbst. Aus buddhistischer Sicht ist das vertrautes Terrain. Was zählt, ist die Absicht (cetanā), unabhängig vom Erfolg.

Konkret wird Wilson im Kapitel «Duty». Ihre Vorschläge sind bescheiden, und gerade das macht sie glaubwürdig: lokale, selbstorganisierte Gruppen statt einer grossen Bewegung, Ungleichheit und Polarisierung abbauen, Politik und Medien nicht pauschal verunglimpfen, und immer wieder die drei C: «collaborate, cooperate, and communicate». Das mag «a bit soft» klingen, wie sie selbst einräumt. Doch genau diese Fähigkeiten werden gefragt sein. Mit Meg Wheatley spricht sie von «islands of sanity», kleinen Gemeinschaften, die menschliche Werte bewahren, ohne das ganze System retten zu wollen.

Wo Wilson (zu sehr) zuspitzt

Nicht alle Argumente überzeugen gleichermassen. Wilson hält eine rechtzeitige Energiewende für unmöglich: Fossile Energie werde zu teuer, um den Umbau zu bezahlen, und 2023 sei der Höhepunkt der Netto-Energie aus fossilen Quellen überschritten worden. Als Beleg nennt sie eine Studie in Nature Energy. Man könnte annehmen, diese stütze ihre These. Dem ist aber nicht so. Aramendia et al. (2024) untersuchen die Jahre 1971 bis 2020 und kommen zum gegenteiligen Schluss: Gemessen an der tatsächlich genutzten Energie bringen fossile Träger wenig Ertrag, erneuerbare Systeme dürften gleichziehen oder sie übertreffen. Einzig während des Umbaus kann die Netto-Energie vorübergehend sinken.

Ähnlich bei den Zivilisationszyklen. Dass Zivilisationen entstehen und wieder verschwinden, bestreitet niemand. Wilson stellt aber die rund 270 Jahre seit der Industrialisierung neben eine durchschnittliche Lebensdauer komplexer Zivilisationen von 336 Jahren und überlässt es den Leser:innen, die Punkte zu verbinden. Die Zahl stammt von Luke Kemp, der sie aus antiken Reichen zwischen 3000 v. Chr. und 600 n. Chr. errechnet hat, nach eigener Aussage ohne strikte Definition und ohne übergreifende Datenbank. Als Uhr für eine globale Industriegesellschaft taugt ein solcher Mittelwert nicht. Beide Fälle folgen demselben Muster: Eine seriöse Quelle wird über ihre Aussage hinaus zugespitzt.

Die Lage heute

Wie liest sich das Buch heute? Kaum weniger dringlich. Bereits im März 2026 zeigten Grant Foster und Stefan Rahmstorf, dass sich die Erwärmung seit etwa 2015 nahezu verdoppelt hat, von rund 0.2 auf etwa 0.35 Grad pro Jahrzehnt. Hält das Tempo an, wird die 1.5-Grad-Grenze vor 2030 überschritten. Auch Wilsons Kapitel «Anti-chaos», das mit Arendt den Zusammenhang von Chaos und Autoritarismus beschreibt, hat an Aktualität gewonnen: Rechte Parteien gewinnen vielerorts an Boden, im September etwa die AfD in Sachsen-Anhalt, wenn auch nicht im Gleichschritt: In Ungarn wurde Viktor Orbán im April abgewählt.

Fazit

«I Eat the Stars» verspricht keine schnellen Lösungen und will das auch nicht. Das Buch zeigt, dass man die Hoffnung aufgeben kann, ohne die Ethik aufzugeben, und dass gerade daraus Freiheit und Handlungsfähigkeit entstehen. Dass nicht jede Quelle trägt, ändert daran wenig, denn die Prognosen sind nicht der Kern des Buches. Empfehlen würde ich es allen, die bereit sind, den Tatsachen ungeschönt ins Auge zu sehen. Thomas Metzinger nennt das intellektuelle Redlichkeit: «die Weigerung, sich selbst in die Tasche zu lügen». Ohne Hoffnung lebt es sich nicht leichter, aber freier.

Sarah Wilson, I Eat the Stars. How to Live Fully and Beautifully in a Collapsing World. New York: Penguin Books, 2026. 336 Seiten.